10. September 2026 / Aus aller Welt

Geht es ohne? – Wie Tierversuche ersetzt werden sollen

Rund zwei Millionen Tiere wurden 2024 für Forschungszwecke eingesetzt beziehungsweise getötet. Das sind weniger als in früheren Jahren, aber immer noch viele. So könnte die Zahl reduziert werden.

Besonders in der Grundlagenforschung sind Tierversuche noch immer sehr häufig.
Veröffentlicht am 10. September 2026 um 05:01 Uhr

Mehr als 1,3 Millionen Tiere sind im Jahr 2024 in Deutschland in Tierversuchen eingesetzt worden – vor allem Mäuse, gefolgt von Ratten, Fischen, Kaninchen, aber auch Schweine, Hunde und Affen. Hinzu kamen knapp 670.000 Tiere, die zu wissenschaftlichen Zwecken getötet wurden, etwa um ihre Organe zu untersuchen. Außerdem listet die Statistik des zuständigen Bundesinstituts 1,6 Millionen getötete sogenannte überschüssige Tiere auf. Diese wurden zunächst für Versuche beziehungsweise für die Forschung gezüchtet, dann aber nicht eingesetzt. Daten für 2025 liegen bisher nicht vor.

Die Zahl der Versuchstiere in Deutschland ging damit das fünfte Jahr in Folge zurück. Ärzte gegen Tierversuche und andere Organisationen fordern von der Bundesregierung jedoch weit größere Anstrengungen. Die EU will in einem Bereich – nämlich bei der Sicherheitsbewertung von Chemikalien – schrittweise aus Tierversuchen aussteigen. Dazu wurde von der EU-Kommission im Juni ein Fahrplan vorgestellt.

Was hat die EU vor?

Bislang sind auf EU-Ebene in einigen Bereichen für die Sicherheitsbewertungen von Chemikalien Tierversuche zulässig oder sogar vorgeschrieben. Schrittweise plant die EU, hier aus der Verwendung von Tieren auszusteigen. Schon jetzt gebe es nicht tierbasierte Methoden, beispielsweise zur Vorhersage akuter Wirkungen wie Haut- und Augenreizungen, heißt es in Erläuterungen zum Ausstiegsplan.

Was ist ein Beispiel für Alternativen?

«Es gibt Hunderttausende von Chemikalien, aber diese können nicht alle umfassend getestet werden. Mit tierversuchsfreien Testsystemen können wir neue Stoffe mit bekannten vergleichen und ihr Gefahrenpotenzial so einstufen», sagt die Chemieprofessorin Beate Escher, die seit 35 Jahren an sogenannten In-Vitro-Methoden forscht. Mit «In Vitro» (im Glas) ist eine künstliche Umgebung außerhalb des menschlichen Organismus gemeint. Bislang wird die Toxizität, also Giftigkeit von Stoffen, «In Vivo», also an lebenden Organismen, oft an Tieren, getestet.

Der technologische Fortschritt sei groß, sagt die Forscherin vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, die jetzt mit dem mit 100.000 Euro dotierten Tierschutzforschungspreis 2026 des Bundeslandwirtschaftsministeriums ausgezeichnet wurde. «Ich bin sehr optimistisch, dass wir mit der Kombination von historischen In-Vivo-Toxizitätsdaten, modernen Daten aus Hochdurchsatz zellulärer Testsysteme gepaart mit Computermodellen langfristig Tierversuche ersetzen können.» 

Sind die Versuche noch zeitgemäß?

Viele klassischen Toxizitätstests mit Tieren seien nicht mehr zeitgemäß, kritisiert Escher. So werde etwa ein Tier über seine Lebenszeit hinweg täglich mit einem krebserregenden Stoff gefüttert, um danach zu gucken, wie viele Tumoren sich entwickelten. Dabei gehe es eigentlich darum herauszufinden, was bei einem Stoff in geringen Konzentrationen passiere, und nicht in hoher Dosis. Mit dem Ersatz von solchen Versuchen werde Tierleid verringert, betont die Expertin. 

«Wenn ein Stoff verboten wird, kommen häufig Dutzende von Ersatzprodukten auf den Markt», erläutert Escher und nennt das Verbot von Bisphenol A in Lebensmittelverpackungen als Beispiel. Mit den neuen tierversuchsfreien Methoden könnten solche neuen Stoffe viel schneller untersucht und bewertet werden. «Im Moment dauert es noch 10 bis 20 Jahre, bis ein Stoff verboten ist.»

Könnte Deutschland gegen Tierversuche mehr unternehmen?

Um potenzielle Gefahren von chemischen Substanzen für die Umwelt zu bewerten, sind immer noch Tierversuche vorgeschrieben, in denen oftmals etwa Fische vergiftet werden und qualvoll leiden. Gaby Neumann von Ärzte gegen Tierversuche hofft darauf, dass die EU bald Ersatz-Verfahren wie das von Escher entwickelte erlauben wird. 

«Der größte Hebel wäre aber die Grundlagenforschung», betont Neumann. 2024 dienten 57 Prozent der Tierversuche der Grundlagenforschung. «Man hat hier die Möglichkeiten, mit menschlichen Daten und Zellen zu arbeiten, und nicht mit künstlich krank gemachten Tieren», sagt Neumann. Die überwiegende Mehrheit von mit Tierversuchen entwickelten Medikamenten falle in klinischen Studien durch. Andere Länder wie die Niederlande oder die USA schaffen der Tierärztin zufolge weit größere Anreize für tierversuchsfreie Forschung.

Wie kann ich tierversuchsfreie Produkte erkennen?

Für viele Stoffe sind Tierversuche noch vorgeschrieben. Seit 2013 gibt es aber ein Tierversuchsverbot für Kosmetik in der EU, allerdings bestehen weiter zahlreiche Ausnahmen. So dürfen Kosmetikfirmen Substanzen mit Tieren testen, wenn diese Substanzen auch in anderen Produkten wie Waschmitteln oder Wandfarben vorkommen. Der Deutsche Tierschutzbund gibt im Internet Tipps, wie tierversuchsfreie Produkte zu erkennen sind. Dabei wird auch empfohlen, zu veganen Produkten zu greifen, denn zum Beispiel wird Kollagen für straffe Haut aus dem Bindegewebe geschlachteter Tiere gewonnen. Keratin für starkes Haar stammt aus Hufen, Hörnern oder Federn von Tieren.

Was sind die Gründe für die sinkenden Versuchstierzahlen?

Seit zehn Jahren gibt es das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren innerhalb des Bundesinstituts für Risikoforschung. Es koordiniert bundesweite Aktivitäten mit den Zielen, Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu beschränken und Versuchstieren den bestmöglichen Schutz zu gewähren. 

Der Rückgang der Versuchstierzahlen sei grundsätzlich zu begrüßen und zeige die Bemühungen der EU-Kommission, Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu beschränken, teilte die Behörde kürzlich mit. Einer Auswertung zufolge kommen in der Grundlagenforschung in den Bereichen Neurowissenschaften und Immunologie vermehrt In-Vitro-Methoden zum Einsatz. Dieser Trend sei allerdings für die Onkologie – also Krebsforschung – nicht zu beobachten.


Bildnachweis: © Friso Gentsch/dpa
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