2. August 2026 / Aus aller Welt

Außergewöhnliche Lage in den Alpen: Welche Gefahren drohen

Warum alte Karten und späte Tourenstartzeiten in den Alpen jetzt besonders gefährlich werden – Experten geben wichtige Tipps für sichere Bergtouren.

«Ein Problem ist vor allem, dass die Hitzewellen so lange angehalten haben», sagt Severin Karrer, Fachleiter für Ausbildung, Bergsport und Sicherheit im Sommer beim Schweizer Alpen-Club (...
Veröffentlicht am 2. August 2026 um 06:30 Uhr

Wenig Schnee im Winter, ein warmer Frühling und langanhaltende Hitze: In den Alpen verschärfen sich die Bedingungen für Bergsteiger und Wanderer. Fachleute warnen vor den Gefahren. 

«Wir haben eine sehr ungünstige Konstellation in diesem Jahr», sagt Severin Karrer, Fachleiter für Ausbildung, Bergsport und Sicherheit im Sommer beim Schweizer Alpen-Club (SAC). Der geringe Schneefall, der milde Frühling und die ungewöhnlich frühen Hitzewellen hätten die Lage verschärft.

Stefan Winter, Bergführer und Ressortleiter Sportentwicklung beim Deutschen Alpenverein (DAV) warnt: «Bergsteiger treffen zunehmend auf Blankeis-Passagen, Schneebrücken über Gletscherspalten kollabieren, und Randspalten werden immer größer.» 

Null-Grad-Grenze außergewöhnlich hoch

«Ein Problem ist vor allem, dass die Hitzewellen so lange angehalten haben», sagt Karrer. «Wir hatten mehrere Wochen, in denen die Null-Grad-Grenze über 4.000 Meter lag.» Zurzeit sind es teils sogar annähernd 5.000 Meter. Im Sommer lag die Nullgradgrenze im langjährigen Durchschnitt zwischen 3.000 und unter 4.000 Metern.

Auch Bernd Tritscher, Bezirksleiter der Bergrettung Pinzgau im Salzburger Land in Österreich spricht von einem «außergewöhnlichen Jahr» mit erheblichen Problemen: «Gewisse Touren sind in diesem Jahr nicht mehr möglich.» 

Gefahr bleibt auch nach der Abkühlung

Abgesehen von Spalten und blankem Eis auf Gletschertouren gibt es auch zusätzliche Gefahren, weil die Hitze den Permafrost auftaut. Er gilt im Hochgebirge als «Klebstoff der Berge», weil er in den gefrorenen Gesteinsschichten Fels und Schutt zusammenhält. Taut er auf, können sich Gesteinsmassen lösen. Dann drohen Steinschlag und Felsstürze. Nach Gewittern und Starkregen steigt außerdem die Gefahr von Muren.

Immer wieder seien auch Zustiege zu den Hütten vorübergehend unpassierbar sagt Tritscher. Und die Gefahr verschwinde nicht automatisch, sobald es kühler werde, betont Karrer: Gelockertes Gestein rutsche nicht immer sofort ab.

Keine alten Tourenbeschreibungen nutzen

«Nicht nur Bergsteiger, auch Wanderer müssen sich bewusst sein, dass sie in einem Spannungsfeld unterwegs sind, in dem es Risiken gibt», sagt Karrer. Entscheidend sei, sich vor jeder Tour über die aktuellen Verhältnisse zu informieren. Alte Karten und Routenbeschreibungen könnten dagegen ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln.

«Gletscherstände verändern sich rasant, ehemals stabile Felsabschnitte werden instabil, und ganze Routen können plötzlich nicht mehr begehbar sein», sagt DAV-Bergführer Winter. 

Tritscher beobachtet zudem, dass viele Menschen zu spät starten. Statt gegen 6.00 oder 7.00 Uhr aufzubrechen, machten sich manche erst am späten Vormittag auf den Weg. Höhenmeter in der Mittagshitze zu bewältigen, sei für viele aber nicht ohne weiteres machbar. «Wir haben wahnsinnig viele erschöpfte Leute», sagt der Bergretter. Der DAV erinnert zudem daran, viel Flüssigkeit mitzunehmen und regelmäßige Trinkpausen im Schatten einzuplanen, Kopfbedeckung und Sonnenschutz ohnehin. 

Wie der Klimawandel die Alpen verändert

Der Klimawandel verändert den Lebensraum Alpen nach Einschätzung des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos rasant: «In den Alpen, mitten in Europa, steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.» 

In einer Studie in der Fachzeitschrift «Earth-Science Reviews» unter Beteiligung des SLF von November 2024 heißt es: «Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass die Steinschlagaktivität in alpinen Gebieten, die vom Auftauen des Permafrosts und vom Gletscherschwund betroffen sind, zunimmt, was in erster Linie auf steigende Sommertemperaturen zurückzuführen ist.»


Bildnachweis: © Peter Schneider/KEYSTONE/dpa
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Beispiellos: Entsetzen nach gescheiterter Hinrichtung
Aus aller Welt

Die Hinrichtung von Christa Pike endet im Chaos: Augenzeugen berichten von einer beispiellosen gescheiterten Hinrichtung. Weitere Hinrichtungen sind in US-Bundesstaat Tennessee vorerst gestoppt.

weiterlesen...
Gescheiterte Hinrichtung: Christa Pike in kritischem Zustand
Aus aller Welt

Zweimal wird Christa Pike ein tödliches Mittel verabreicht - doch sie stirbt nicht. Der US-Bundesstaat Tennessee stoppt vorerst weitere Hinrichtungen. Was über ihren Gesundheitszustand bekannt ist.

weiterlesen...
Bilanz zur Rocker-Razzia - Stadt-Mitarbeiter geschmiert?
Aus aller Welt

Ermittler berichten, wie sie gegen ein Geldwäsche-Netzwerk und die «Hells Angels» vorgegangen sind. Wie wurden die Geldströme verschleiert und haben städtische Mitarbeiter Informationen weitergegeben?

weiterlesen...

Neueste Artikel

Von HIV geheilter Patient ist Charité-Mitarbeiter
Aus aller Welt

Der «Zweite Berliner Patient» wurde als einer von 13 Menschen weltweit von HIV geheilt. Ihm wurden Stammzellen einer gesunden Spenderin inklusive ihres Immunsystems übertragen.

weiterlesen...
Maskierte befreien Häftling aus Arztpraxis
Aus aller Welt

Aus einem Besuch beim Arzt ist in Essen eine spektakuläre Gefangenenbefreiung geworden: Maskierte überwältigten die Bewacher und verhalfen einem 34-Jährigen zur Flucht.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Von HIV geheilter Patient ist Charité-Mitarbeiter
Aus aller Welt

Der «Zweite Berliner Patient» wurde als einer von 13 Menschen weltweit von HIV geheilt. Ihm wurden Stammzellen einer gesunden Spenderin inklusive ihres Immunsystems übertragen.

weiterlesen...
Maskierte befreien Häftling aus Arztpraxis
Aus aller Welt

Aus einem Besuch beim Arzt ist in Essen eine spektakuläre Gefangenenbefreiung geworden: Maskierte überwältigten die Bewacher und verhalfen einem 34-Jährigen zur Flucht.

weiterlesen...